Seit zwei Jahren entlasten Silvia Nussbaumer und ihr Team Angehörige, die ihre an Demenz erkrankten Partner:innen in die Tagesbetreuung «uf Bsuech» ins Lindenfeld bringen. Die Tagesbetreuung gibt ihren Gästen eine Tagesstruktur mit liebevoller Aktivierung, die auf die Ressourcen abgestimmt ist.



Liebe Silvia, wenn du die letzten Jahre seit Eröffnung der Tagesbetreuung Revue passieren lässt – wie fasst du die Erlebnisse und Begegnungen zusammen?
Wir durften in diesen zwei Jahren unglaublich schönen Begegnungen erleben. Zum einen mit den Tagesgästen aber auch mit ihren Angehörigen. Oft sind dies die Partner:innen aber auch deren Kinder, sie sich stark engagieren. Wir sind immer wieder im Austausch und dürfen mit Rat und Tat begleitend zur Seite stehen, wenn Fragen und Ängste auftauchen; denn wir dürfen nicht vergessen, dass dies ein sehr persönlicher Prozess ist.
Ich stelle mir vor, dass ihr an den fünf Wochentagen sehr unterschiedliche Gäste begrüsst und betreut. Wie entwickelt ihr euer Tagesprogramm, so dass es für alle passt?
Die Bedürfnisse unserer Tagesgäste sind tatsächlich sehr individuell. Wenn immer möglich, schauen wir schon beim Festlegen des jeweiligen Tages, dass eine Person möglichst gut in die schon bestehende Gruppe passt.
Wir sind auch in der glücklichen Situation, dass wir einen guten Personalbestand mit kompetenten Mitarbeiter:innen haben. So können wir unser Angebot in Kleingruppen aber auch Einzelbetreuungen anbieten. Es ist möglich, dass die Tagesgäste von uns individuell betreut werden und ein Raum entsteht, in dem sich jeder einzelne wohlfühlen, entspannen und sich mit seinen Fähigkeiten einbringen kann.
Angebot wird individuell angepasst
Kannst du dein eindrücklichstes Erlebnis schildern?
Es gibt so unglaublich viele eindrückliche Momente, sodass es mir schwer fällt mich auf ein Erlebnis zu beschränken.
Ein Moment ist mir dennoch sehr in Erinnerung geblieben: Wir hatten zwei Frauen, die sich bei uns am Tisch getroffen haben. Eine der beiden hat die andere als ihr «Zug-Gespänli» in der Ausbildungszeit zur Drogistin erkannt. Die beiden fuhren vor Rund 55 Jahren gemeinsam in die Gewerbeschule. Dies nicht etwa hier in der Umgebung, sondern von Langenthal nach Solothurn. Die beiden hatten natürlich ein wunderbares Thema zusammen.
Ansonsten haben wir in der Tagesbetreuung auch unbeschreiblich viel zu Lachen. Viele unserer Gäste bringen eine gute Portion Humor mit. Was auffallend ist, die meisten der Tagesgäste lassen sich auch gerne auf etwas Neues ein, sodass Potenziale entdeckt werden, an die man gar nicht gedacht hat.
Berührende Geschichten
Wenn du nach vorne blickst, wie wichtig schätzt du das Entlastungsangebot ein?
Ich denke, dass unser Angebot zukünftig eine noch grössere Bedeutung bekommt. Leider ist es so, dass in den nächsten Jahren und Jahrzenten die Anzahl von an Demenz erkrankten Menschen stark zunehmen wird. Je mehr unterschiedliche Angebote geschaffen werden, desto optimaler können die Betroffenen und ihre Angehörigen unterstützt werden. Die Tagesbetreuung «uf Bsuech» ist eine ideale Variante, wenn die Zeit für einen stationären Aufenthalt noch nicht gekommen ist – Entlastung für die Angehörigen jedoch wichtig wird und sie sich so Schritt für Schritt gemeinsam auf den Weg machen können.
Tagesbetreuung entlastet
Gibt es etwas, was du betreuenden Angehörigen auf den Weg geben möchtest?
In den letzten zwei Jahren haben ich oft die Erfahrung gemacht, dass Angehörige häufig bis an ihre Grenzen oder darüber hinaus gehen und sie erst dann ein Entlastungsangebot wie das Unsrige in Betracht ziehen. Mit dieser Erkenntnis möchte ich die Angehörigen gerne ermutigen, sich früher Unterstützung zu suchen. So können auch sie als Partner:innen Momente der Entlastung erfahren und gesund bleiben.
Herzlichen Dank, liebe Silvia, für das Gespräch.

